Vision für das Leonhardsviertel: links das Film- und Medienhaus, rechts das neue „Mobility Hub“ von Breuninger | Bild: -
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Haus für Film und Medien

2026 soll in Stuttgart ein Filmhaus völlig neuer Art eröffnen.

Respekt: Einen einstimmigen Beschluss im Stuttgarter Gemein­derat für eine rund 50 Millionen Euro teure Kulturinvestition, das muss man erst mal hinkriegen. Mit Fug und Recht kann es Kulturbürgermeister Fabian­ Mayer (CDU) auch als seinen persönlichen Erfolg verbuchen, dass am Donnerstag zum Schluss die Zustimmung zu seiner Vorlage „Haus für Film und Medien – Grundsatzbeschluss“ einhellig war, quer durch alle Fraktionen. Seit seinem Amtsantritt im Rathaus 2016 war er mit dieser Frage befasst. Die Prüfung von 62 möglichen Standorten zog sich derart in die Länge, dass selbst Mitglieder des Kulturausschusses der Stadt irgendwann vergaßen, zwischendurch wenigstens mal nach dem Stand der Dinge zu fragen. Doch nun scheinen Ziel und Weg klar.

Wo heute noch zwischen Stadtautobahn und Esslinger Straße in direkter Nachbarschaft zur Leonhardskirche das Breuninger-Parkhaus dem Auge wehtut, soll bereits 2026 ein neuer, architektonisch anspruchsvoller Kulturbau stehen, der einem möglichst großen Publikum das ganze Spektrum der Themen Film und digitale­ Medien eröffnet, vom Filmprogramm über Studios, Werkstätten und Workshop-Ateliers bis hin zur Gastronomie. Mayer: „Wir wollen einen neuen, lebendigen­ Ort schaffen, an dem digitale Kompetenz und Teilhabe wachsen können. Wir stärken so den Medienstandort Stuttgart und unterstreichen das Potenzial der Kulturmetropole beim Ausbau der digitalisierten Gesellschaft.“

Die Zustimmung unter den Stuttgarter Gemeinderäten hat sicher befördert, dass das Konzept für eine solche Einrichtung maßgeblich von einem Verein erarbeitet wurde, in dem sich immerhin 25 veritable Institutionen zusammengetan haben, von der Filmakademie Baden-Württemberg und den hiesigen Filmfestivals über die Wirtschaftsförderung der Region, die Akademie Schloss Solitude und das Kunstmuseum bis hin zum Deutsch-Türkischen Forum und dem Stuttgarter Jugendhaus. Von der Hoch- bis zur Basiskultur scheint alles hinter der neuen Filmhaus-Idee versammelt.

Und wer wollte schließlich bezweifeln, dass in einer attraktiven Neugestaltung des jetzigen Parkhausareals auch enormes Potenzial für die Stadtentwicklung stecken würde? Das neue Medienhaus würde den bereits bestehenden Kultur- und Ausgeh-Hotspot rund um Gustav-Siegle-Haus und Leonhardskirche beinahe direkt mit dem Stadtpalais am Charlottenplatz verknüpfen­; die Stuttgarter Kulturmeile würde also weiter gestärkt. Kulturbürgermeister Mayer sagte zu diesem Aspekt am Freitag gegenüber der Presse: „Kultur ist für uns in Stuttgart nicht nur ein inhaltlicher Impulsgeber, sondern auch ein wichtiger­ Faktor, um Stadträume für die Menschen attraktiv­ zu machen.“

„Wir wollen Stuttgart einen weiteren Leuchtturm bescheren“, ergänzte an gleicher Stelle Markus Merz, der Vorsitzende des Vereins Haus für Film und Medien. Seit zehn Jahren arbeite man an diesem Konzept, „jahrelang haben wir dafür im Rathaus kaum einen interessierten Gesprächspartner­ gefunden. Das ist erst mit Fabian Mayer anders geworden.“ Merz und seinen Mitstreitern kommt in den kommenden Monaten eine Schlüsselrolle zu: Bereits von 2020 an bekommt der Verein einen Zuschuss von der Stadt „für die Vorbereitung und Planung des Hauses“, eine erste feste Stelle wird so geschaffen­. Ähnlich wie jüngst beim Linden-Museum wollte man auch bei der weiteren Konzeption des Film- und Medienhauses „unabhängiges Expertenwissen“ einholen, versprach Daniel Danzer vom Stuttgarter Jugendhaus. Und Merz ergänzte­, bei der inhaltlichen Arbeit wolle man einen Programmbeirat einsetzen und weitere finanzstarke Kooperationspartner gewinnen. „Wir wollen auch international etwas ganz Einmaliges werden.“

Denn wichtig für die Zukunft des Hauses sind natürlich nicht nur die 39 Millionen Euro, die der Gemeinderat jetzt als Baukosten bewilligt hat, plus weiterer 8 Millionen Euro für die Erstausstattung. Entscheidend sind auch die jährlichen Betriebskosten, die ab 2026 fällig werden. Die Vorlage Fabian Mayers geht von öffentlichen Zuschüssen von jährlich 4 Millionen Euro aus. Weitere Einnahmen müsste das Haus selbst erzielen – zum Beispiel durch Drittmittel, Vermietung, Workshops und einen Kinobetrieb.

Und just hier schwelt bereits seit Jahr und Tag ein kulturpolitischer Disput, der sich in der Einstimmigkeit des Gemeinderatsbeschlusses nicht widerspiegelt: Mit seinem Kinobetrieb – geplant sind im Konzept gleich zwei Kinosäle – würde das künftige Film- und Medienhaus zum Mitspieler auf dem Stuttgarter Kinomarkt. Nach dem jähen Aus für das Kommunale Kino 2007 verblieben in der Landeshauptstadt allein die Arthaus-Kinos von Peter Erasmus und die Innenstadt-­Kinos am Schlossplatz als verlässliche Orte für anspruchsvolle Filme. Im Rahmen der unternehmerischen Möglichkeiten fanden hier auch Filmfestivals eine Heimat. Beide Kinobetreiber befürchten nun, dass ihnen der neue Standort im Leonhardsviertel das Leben schwer machen­ könnte.

Peter Erasmus jedenfalls lässt in einer ersten Reaktion starke Reserve spüren: „Ich bin sehr überrascht, dass die Stadt plötzlich bereit ist, so viel Geld für das Thema Film und Medien zu investieren. Unsere Erfahrung ist leider, dass selbst geringe­ Zuschüsse für ein kleines Filmfestival nicht zu bekommen sind.“ Er werde sich nun das Konzept des Filmhaus-Vereins „gern und in Ruhe anschauen. Aber ich habe etliche Fragen und wünsche mir einen offenen Austausch. Bisher hat es nämlich niemand für nötig gehalten, auch nur mit uns in Kontakt zu treten.“

Markus Merz sieht dagegen keinerlei Konflikt an dieser Stelle: „Wir werden dem Arthaus-Kino sicher nicht das Wasser abgraben. Wir haben ein eigenes Profil und streben Kooperation an.“ Und Uli Wegenast, der Geschäftsführer derFilmfestival-Gesellschaft, ergänzt: „Wir sind doch keine Konkurrenten. Unser gemeinsamer Konkurrent sind die Streamingdienste. Wir wollen das Kino als sozialen Ort doch gerade bewahren.“ Und um das zu erreichen, so Merz, „müssen wir noch viel diskutieren. Wir sind jetzt am Anfang, aber das voller Enthusiasmus.“ Der Zeitplan für Planung, Wettbewerb und Bau ist ambitioniert. Das neue Medienhaus soll ein Baustein der Internationalen Bauausstellung 2027 sein.

 

Quelle: Stuttgarter Zeitung, Tim Schleider

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