Cengiz Akaygün
V.l.n.r.: Petra Hilt-Hägele (Film-Commission), Cengiz Akaygün, Dennis Eisenbeiß Bild: Frank von zur Gathen
News vom

Erster Langspielfilm von Regisseur Cengiz Akaygün

Akaygün macht Filme über Themen, die ihn umtreiben.

Er zeigt, dass man auch ohne Filmhochschule erfolgreich sein kann – vorausgesetzt man ist mit Ehrgeiz und Leidenschaft bei der Sache.

Man muss das machen, worin man sich auskennt und was einen gleichzeitig interessiert. Dann wird es authentisch, sagt der Filmemacher Cengiz Akaygün. Im Falle des Regisseurs mit den kurdischen Wurzeln sind das politische Themen, die mit seiner Identität zu tun haben. „Das ist, was mich antreibt“, sagt er. Seine Philosophie scheint ihm Recht zu geben. Für seine Kurzfilme „Free Monkeys“ und „Der Mandarinenbaum“ hat er zahlreiche Preise bekommen.

Dass er sich vorsichtig an das Filmemachen herangetastet hätte, kann man von Cengiz Akaygün nicht behaupten. Kurz nach seinem Studium hatte er 2009 die Idee, einen Dokumentarfilm in der Türkei zu drehen. „Zu dieser Zeit war die Diskussion, ob die kurdische Sprache gelehrt werden dürfe, sehr aktuell“, sagt er. Akaygün wollte der Problematik filmisch auf den Grund gehen. Es wurde auch eine Suche nach der eigenen Identität.

Ohne Erfahrung und ohne Produktionsfirma im Rücken machte er sich mit seinem deutschen Kameramann auf in die anatolische Millionenstadt Diyarbakir. „Wir hatten zunächst eine Drehgenehmigung, doch die wurde uns kurz vorher entzogen“, erinnert er sich. Akaygün wollte den Film dennoch machen. Sie entschlossen sich, verdeckt aufzunehmen. Das sei nicht ohne Risiko gewesen. „Es gab Studenten, die Angst hatten, vor die Kamera zu treten oder anonym bleiben wollten.“ Und auch die Polizei habe sie beim Filmen einmal erwischt. Akaygün gelang es, sich herauszureden. „Meine größte Furcht war, dass sie uns die Kamera wegnehmen“, sagt er. Am Ende verlief alles glimpflich und das Duo brachte das Projekt zu Ende. „Es war eine schöne Erfahrung“, sagt der Regisseur, der damals Blut geleckt hatte.

Dabei kann Akaygün nicht sagen, dass sein Weg ins Filmgeschäft vorherbestimmt war. 1979 kommt der Kurde als Sohn eines Gastarbeiters in Stuttgart zu Welt. Mit seiner Mutter geht er zunächst zurück in die Türkei. Als Akaygün sieben Jahre alt ist, holt der Vater die Familie nach. Eigentlich wollte dieser lediglich eine Weile in Deutschland arbeiten und dann in die Türkei zurückkehren. „Sie haben aber gedacht, dass wir hier ein besseres Leben haben können“, sagt er. Die Familie lebt zunächst in Heslach, später dann in Zuffenhausen. Nach dem Abitur geht Akaygün nach Duisburg, wo er einen Bachelor in Kommunikations- und Medienwissenschaften macht. „Mein Studium hatte mit Filmemachen eigentlich nichts zu tun.“ In einem Wahlfach habe er jedoch einen Imagefilm über die Stadt Duisburg machen müssen. Er lernt den Ablauf des Filmemachens zum ersten Mal kennen. „Ich hatte plötzlich lauter Ideen im Kopf“, erinnert er sich. Ein Schlüsselmoment.

Zehn Jahre später lebt er wieder in Zuffenhausen. Sein Geld verdient er mit Imagefilmen. Seine Leidenschaft sind jedoch Kurz- und Spielfilme. „Mit Kurzfilmen ist kein Geld zu verdienen“, sagt er. Aber sie können eine Eintrittskarte für weitere Projekte sein. Seine jüngste Produktion „Der Mandarinenbaum“ war auf rund 20 nationalen und internationalen Festivals zu sehen. Die anrührende Geschichte eines kleinen Mädchens, dessen kurdischer Vater – wie könnte es anders sein – als politischer Gefangener in einem türkischen Gefängnis sitzt, überzeugte Juroren. Neun Mal wurde das 17-minütige Drama ausgezeichnet, zuletzt als „Bester Kurzspielfilm“ auf der Filmschau Baden-Württemberg. „Der Mandarinenbaum ist eine in sich geschlossene, feinfühlige kleine Geschichte mit großen Gefühlen, liebevoll und stimmig erzählt. Der Film überzeugt durch starke Bilder und glaubhafte Figuren, eine schlüssige Handlung mit Steigerungen und Überraschungen“, heißt es in der Jurybegründung. Dass das Drama auch beim Flickerfest in Australien sowie beim Austin Film Festival in den USA zu sehen war, freut den Regisseur besonders. Das sei für Filmemacher wichtig. „Über diese Festivals besteht die Möglichkeit, für den Oscar oder das Britische Pendant, die BAFTA, nominiert zu werden“, erklärt er.

Aktuell arbeitet er mit seinem Co-Autor an seinem ersten Langfilm. Auch hierzu hat ihn das echte Leben inspiriert. „Ich war gerade in der Türkei im Urlaub, als die Leiche des syrischen Jungen angespült wurde.“ Akaygün hörte, wie sich eine Frau am Nachbartisch darüber echauffierte, dass Eltern ihre Kinder mit auf die Flucht nähmen und dass dies doch so teuer sei. „Das hat mich sehr aufgeregt“, sagt er. So entstand die Idee für „Mira und der Strandgeist“, ein Kinderfilm um das Thema Flucht. Für das Drehbuch gab es kürzlich Unterstützung von der Filmförderung Baden-Württemberg. Das bestätigt den Filmemacher in seiner Theorie: „Es gibt universelle Themen, die nie an Aktualität verlieren. Man muss lediglich einen Zugang zu den Menschen finden.“

Quelle: Stuttgarter Zeitung vom 6. März 2019, Autorin: Marta Popowska

Zurück zur Übersicht