Böller & Brot-Film-Werkschau
Wiltrud Baier und Sigrun Kühler, Bild: privat
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Böller & Brot-Film-Werkschau

Werkschau der beiden Filmemacherinnen im KulturKiosk Stuttgart

Das Smartphone hat’s möglich gemacht: Es gibt jetzt Milliarden Dokumentarfilmer*innen. Kamera an, draufhalten, ab ins Netz damit, irgendjemand wird die Schlägerei an der Straßenecke oder das Missgeschick beim Heimwerken schon anklicken. In dieser Welt kurzer Aufmerksamkeitsspanne und langer Schadenfreude bilden die beiden Stuttgarter Filmemacherinnen Wiltrud Baier und Sigrun Köhler, besser bekannt unter ihrem Firmennamen Böller und Brot, den idealen Gegenpol. Sie drehen Langfilme fürs Kino, geprägt von Empathie und Geduld. Und das seit, hoppla, auch schon mehr als zwei Jahrzehnten. Zeit für eine kleine Werkschau also, die an vier Abenden im Stuttgarter KulturkioskZüblin-Parkhaus laufen wird: „Moneten, Musik & Massen-Protest.“

Geld, Musik und Wut

„Schotter wie Heu“ (26. August, 20 Uhr) zeigt am Beispiel eines bodenständig-humanistisch-eigenwilligen Nachbarschaftsbankers vom Lande, dass Kapital eben nicht notwendigerweise eine global randalierende, moralisch entkoppelte Bestie sein müsste, die sich gegen die Menschheit wendet. Es könnte ein braves Nutztier sein, würde man einen so bescheidenen und disziplinierten Umgang mit ihm pflegen wie der in „Schotter und Heu“ porträtierte damalige Gammesfelder Bankdirektor Fritz Vogt. Der war im Ein-Mann-Betrieb auf dem Dorf zugleich seine eigene Sekretärin. Er weigerte sich, einen Computer zu nutzen, kannte dafür aber seine Kunden persönlich.

Frank Zappas Mothers of Invention waren mal das Progressivste und Subversivste, was der US-Rock zu bieten hatte. Dass sich der frühere Mothers-Schlagzeuger Jimmy Carl Black 1995 in einem bayerischen Dörfchen niedergelassen hatte, war vielen entgangen. Böller und Brot fuhren hin und drehten den Film „Where’s the Beer – and when do we get paid?“ (2. September, 20 Uhr). Und als Stuttgart von dem Streit ums Bahnhofsprojekt S21 zerrissen wurde und bundesweit Schlagzeilen machte, gingen Baier und Köhler mit der Kamera hinein ins Demogewimmel und direkt an die Wutbürgerfront. Für „Alarm am Hauptbahnhof“ (9. September, 20 Uhr) bekamen sie den Grimme-Preis.

Zuhören und Zeit nehmen

Schnell mal hinfahren, die kontroverseste Perspektive ausreizen, deftig zuspitzen – das ist nicht die Methodik von Böller und Brot. Die Filmemacherinnen lassen sich ein auf die Porträtierten und deren Welt, sie suchen nicht nach Belegen für ihr vorher festgelegtes Konzept, sondern hören zu, wie die Leute vor Ort die Welt sehen. Sie selbst, die eine Weile mitleben und nach dem fremden Rhythmus suchen, kommen dezent, aber unübersehbar in den Filmen vor. Die Filmemacherinnen haben die sanfte Annäherung auch mal bei einer öffentlichen Figur gewagt, deren Markenkern das schroff Konfliktfreudige ist: „Wer hat Angst vor Sibylle Berg“ (3. Oktober) ist ein Projekt, dessen heikle Reibungsflächen klar erkennbar sind.

Wo Freunde und Feinde längst wissen, was sie wovon sowieso schon immer halten, fangen Köhler und Baier erst mal mit Materialsammeln an. In ihrem neuen Film „Narren“, der am 11. November ins Kino kommt, geht es um die Rottweiler Fasnacht: Drei Jahre haben sie in das Projekt investiert. Ja, es geht langsam voran mit diesen Filmen, die Regisseurinnen sind nebenher auch immer mal wieder mit anderem beschäftigt, mit ihrer Liebe zu Daumenkinos etwa. Fans dieser heilsam entschleunigten Dokumentarfilme würden sich wünschen, sie kämen in dichterer Folge. Aber das ist wohl ein Widerspruch in sich. So muss man immer warten – hat dann aber auch was davon.

Werkschau Böller und Brot

Kulturkiosk Züblin-Parkhaus, ab 26.8. jeweils Do, 20 Uhr

Termine
„Schotter wie Heu“ 26.08. / „Where’s the Beer – and when do we get paid?“ 02.09. / „Alarm am Hauptbahnhof“ 09.09. / „Wer hat Angst vor Sibylle Berg“ 03.10. 2021; jeweils 20 Uhr

 

Quelle: Stuttgarter Zeitung, Thomas Klingenmaier vom 25.8.2021

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